Inklusion in der Praxis

Inklusion ist derzeit ein großes Thema in der öffentlichen Bildungsdebatte. Aber wie sieht Inklusion eigentlich in der Praxis aus?

Inklusive Bildung bedeutet, dass Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf gemeinsam lernen – ein Konzept, dass das Schulsystem teilweise vor große Herausforderungen stellt. In Deutschland besuchen aktuell etwa 28 Prozent von rund 500.000 Kindern mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule. Soweit die Zahlen. Aber wie sieht Inklusion eigentlich in der Praxis aus?

tutoria (jetzt Studienkreis) sprach mit Annette Grandke, die an einer Grundschule in Erlangen einen blinden Jungen in ihrer Klasse unterrichtet.

Annette Grandke

tutoria (jetzt Studienkreis): Welche Bedeutung hat der Begriff „Inklusion“ für Sie?
Annette Grandke (AG): Seit jeher unterrichtet die Lehrkraft in einer Klasse Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen in den Bereichen Begabung, Interesse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese Bandbreite stellt die eigentliche Herausforderung an den Lehrer dar. Hochbegabte müssen genauso „inkludiert“ werden wie Kinder mit Lernproblemen. Insofern gab es Inklusion schon immer. Neu ist nun, dass Kinder, die bisher in besonderen Fördereinrichtungen unterrichtet wurden, am Unterricht der Regelschulen teilhaben sollen. Der Unterricht muss so gestaltet sein, dass alle Kinder auf ihrem Niveau lernen und gute Lernschritte gehen können.

Was genau sind für Sie die Chancen von Inklusion?
AG: Chancen sehe ich für alle Beteiligten: Die inkludierten SchülerInnen partizipieren am „wirklichen Leben“, werden nicht in einem „Schonraum“ unterrichtet. Die Kinder der Regelklasse erleben die inkludierten Schüler durch das gemeinsame Lernen als ganz normale, gleichwertige Mitglieder. Soziales Lernen (Hilfsbereitschaft, Empathie, Rücksichtnahme) erfolgt ganz natürlich. Die Umsetzung von Inklusion bedeutet auch für die Schulentwicklung eine große Chance: Der Unterricht muss flexibler, offener gestaltet, der Schultag sinnvoll rhythmisiert werden, um den Bedürfnissen aller gerecht zu werden. Teamarbeit an der Schule sowie zwischen Pädagogen unterschiedlicher Bildungseinrichtung sind Teil gelungener Inklusionsarbeit.

Sie haben ja einen blinden Jungen in Ihrer Klasse. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, wie seine Mitschüler mit ihm umgehen?
AG: Zunächst, also in den ersten Tagen in der 1. Klasse, war Peter* natürlich etwas Besonderes. Die Kinder verhielten sich unterschiedlich: Manche suchten seine Nähe, wollten neben ihm sitzen oder ihm in verschiedenen Situationen helfen. Es war für mich erstaunlich und auch sehr erfreulich, wie viel Verantwortungsbewusstsein die sechsjährigen Kinder zeigten, sei es, wenn sie Peter zur Toilette begleiteten oder mit ihm die Pause im Hof verbrachten. Nach einiger Zeit wusste ich genau, dass ich mich auf die meisten Kinder unbedingt verlassen konnte. Peters „Anderssein“ irritierte einige wenige Kinder. Sie begegneten ihm anfangs reserviert und zurückhaltend. Je länger sich die Kinder aber kannten, umso vertrauter und selbstverständlicher wurde ihnen der Umgang mit dem blinden Mitschüler. Und so dauerte es nicht lange, bis die Kinder ihm nicht mehr mit besonderer Rücksicht begegneten, sondern beim Spielen und Lernen sogar zu vergessen schienen, dass Peter blind war.

Mit seiner Sehbehinderung kann er nicht völlig „normal“ am Unterricht teilnehmen, also beispielsweise Tafelbilder sehen. Wie gehen Sie damit um und inwieweit passen Sie den Unterricht darauf an?
AG: Als „Dolmetscherin“ oder sagen wir besser als seine „Brille“ fungierte in vielen Phasen des Unterrichts die Schulbegleiterin, die Peter während des Unterrichts zur Seite stand und erklärte, was an der Tafel stand. Die Behinderung Peters versuchte ich zu nutzen, um die Mitschüler zu zwingen, sich genau auszudrücken und Erklärungen möglichst präzise zu formulieren. Gerade im Deutschunterricht (z. B. bei der Erarbeitung einer Bildergeschichte) lernten die Kinder auf diese Weise das genaue Hinschauen und das verständliche und logische Erzählen. Nicht immer konnte Peter Arbeitsaufträge auf die gleiche Weise bearbeiten wie der Rest der Klasse. Oftmals mussten Arbeitsblätter oder Arbeitsmittel für ihn modifiziert werden.

Wurden Sie als Lehrerin besonders auf diesen Fall vorbereitet bzw. geschult?
AG: Nein, überhaupt nicht. Peter war das erste blinde Kind in unserer Schule. Meine Schulleiterin überließ mir die freie Entscheidung, mich für oder gegen die Aufnahme des blinden Kindes auszusprechen. Eine besondere Vorbereitung, z. B. in Form einer Fortbildung, haben meine Kolleginnen und ich nie erhalten. Während des Schuljahres stand uns allerdings eine Fachkraft (= Sonderschullehrerin) vom MSD (=Mobiler Sonderpädagogischer Dienst) zur Verfügung, die bestenfalls einmal wöchentlich für zwei Unterrichtsstunden in die Schule kam, mit Peter arbeitete oder uns Lehrerinnen unterstützte und beriet.

Wie gehen Sie bzw. Ihre Kollegen mit einer schwierigen Situation um?
AG: Peter ist ein ganz normales, aufgewecktes Kind, das sich in seinem Sozialverhalten nicht von sehenden Kindern unterscheidet. Es bedurfte also keiner außergewöhnlichen pädagogischen Maßnahmen, um evtl. schwierige Situationen zu meistern. „Schwierige Situationen“ sehe ich eher darin, dass wir Lehrer an der Regelschule nicht fachlich ausgebildet sind. So beherrschen wir die Blindenschrift nicht, es fehlen uns die Arbeits- und Anschauungsmittel für die Vermittlung von Inhalten, um nur zwei wichtige Aspekte zu nennen. Darüber hinaus mangelt es den Lehrkräften an Zeit, den blinden Kindern die Inhalte auf entsprechende Weise zu vermitteln. Zwar steht blinden Kindern immer eine Schulbegleitung zur Verfügung, diese darf aber von Gesetz wegen die Lehrkraft nicht beim Unterrichten unterstützen.

Gibt es weitere Inklusionsklassen an Ihrer Schule?
AG: Nein, es gibt aber in etlichen Klassen SchülerInnen mit besonderem sonderpädagogischen Förderbedarf. Im Übrigen hat sich das Lehrerkollegium einstimmig für die Aufnahme des blinden Jungen entschieden. Das ist sehr wichtig, denn Inklusion kann nur gelingen, wenn alle die gemeinsame Beschulung begrüßen.

Können andere Schulen von Ihnen lernen?
AG: Lernen und Erfahrungen machen muss jede Schule für sich selbst. Wir können nur Mut machen, es uns nachzutun. Jeder Fall von Inklusion ist anders gelagert, ich kann nicht voraussagen, ob sie gelingen wird. Aber ich weiß, dass man dem behinderten Kind wie auch der entsprechenden Schule mit all ihren Schülern und Lehrkräften eine Chance geben sollte.

Was würden Sie skeptischen Eltern entgegnen, die befürchten, dass Kinder mit Handicap das Lerntempo der ganzen Klasse beeinträchtigen?
AG: Zum einen würde ich gerne um Verständnis für die besondere Situation von Eltern mit behinderten Kindern werben. Würden sich Eltern nicht auch Offenheit und Toleranz von anderen wünschen, wenn sie selbst ein behindertes Kind hätten? Auf der anderen Seite lernen alle Beteiligten von- und miteinander – und zwar fürs Leben. Was macht es da aus, ob in der 1. Klasse der Buchstabe N in der 1. oder in der 2. Oktoberwoche gelernt wird?

Frau Grandke, vielen Dank für das Gespräch und einen guten Start ins neue Schuljahr!

Annette Grandke ist Lehrerin an einer Grundschule in Erlangen. Sie unterrichtet in den Klassenstufen 1 und 2 und freut sich darauf, im kommenden Schuljahr wieder eine 1. Klasse übernehmen zu können.

* Name geändert